von Wolf MOSER

Hat Fernando Sor, neben vier Fantasien für zwei Gitarren und dreizehn für Sologitarre, noch eine Fantaisie pour Guitare Seule Composée et dédiée à Son Elève Mademoiselle Houzé par Ferdinand Sor hinterlassen, als 14. Werk in der letzten Gattung? Diese >Fantasie für Gitarre allein, komponiert und seiner Schülerin Fräulein Houzé gewidmet ...< ist seit 1991 als Sor(?)-Manuskript bekannt. Erstmals hatte die Handschrift ein Musikantiquariat in Boston per Rundschreiben angeboten; vom Autograph war nicht das Titelblatt mit der Widmung abgebildet, gezeigt waren die Überschrift(en) der Einleitung und die ersten fünf Notenzeilen. Die Beschreibung gab den Titel, datierte das Manuskript auf 1830; sie sagte, es umfasse zehn Seiten Notentext im Format 22,5x29,3 cm; und das Stück erscheine mit folgenden Satzbezeichnungen: Introduction: And[ant]e Largo - Andantino - Allegretto vivace. Die Tonart d-Moll war dem beigefügten Notenbeispiel abzulesen, offenbar trug das Werk keine Opus-Nummer. Der geforderte Preis betrug immerhin 15.000 US $.

Der Fund war für mich eine Herausforderung wegen meiner anderthalb Jahrzehnte Beschäftigung mit dem Thema >Sor<: Sieben Jahre zuvor hatte ich über ihn eine Monographie veröffentlicht und 1989 - zum 150. Todestag des Spaniers - noch ein 80-seitiges Sonderheft als Herausgeber betreut, mit Aufsätzen zu Leben oder Werk, vermischt mit Berichten von jüngsten Veranstaltungen zu Sors Ehren.


Abbildung 1: Fälschung

Was damals vor mir lag in den Anfangszeilen besagter Fantaisie, sah glaubwürdig aus auf den ersten Blick, allerdings störte ein Schönheitsfehler in der Schreibweise des wichtigsten der wenigen Wörter über den Anfangstakten. Stutzig machte vor allem die Widmungsträgerin: Mademoiselle Houzé, deren Vorname Nathalie inzwischen ermittelt scheint. Ihr sind nämlich von Sor schon drei andere Kompositionen gewidmet. Eine vierte in so kurzem Abstand hätte die junge Dame eigentlich bloßstellen müssen, unter den Zeitumständen. Gegen 1830 trägt das Titelblatt von Opus 39 zum ersten Mal ihren Namen, hier sind ihr, Sechs Walzer, von verschiedenen Autoren [Mohor (3), Mozart, Steibelt und Sor] für Orchester komponiert, für zwei Gitarren eingerichtet und zugeeignet. Vier der Werke hatte Sor zuvor, während seines Englandaufenthalts, für Klavier zu vier Händen arrangiert. Es dauerte nicht lange, dann folgte mit Opus 42 eine weitere Widmung: Sechs kleine Stücke komponiert und Mademoiselle Houzé gewidmet. Darauf vergehen etwa drei Jahre, bis der Komponist die junge Dame zum dritten Mal bedenkt, mit seiner Fantasie für zwei Gitarren, ausdrücklich für Mademoiselle Houzé komponiert. Opus 54 b(is). Schwer vorstellbar, daß diesem "ausdrücklich für" noch eine Zueignung des Autors gefolgt sein sollte, denn in seinem Gitarrenschaffen hat Sor niemanden häufiger oder schmeichelhafter mit Widmungen bedacht.
Auffälliger waren jedoch zwei kleine Wörter im Titeltext der jetzt aufgetauchten Komposition, da Sor die fragliche Fantaisie "seiner Schülerin" Mademoiselle Houzé bestimmt hat. Merkwürdigerweise fehlt ausgerechnet dieser Zusatz in den drei unbezweifelbaren Werken. Der Komponist hätte sich folglich erst, als er ihr das anspruchsvollste Werk schrieb, darauf besonnen, daß die junge Frau seit gut vier Jahren seine Elevin war. Und warum hätte der Autor, seit 1828 eigener Verleger seiner Werke, die Komposition nicht selber herausgebracht, und sei es als Opus 64 - es blieben ihm noch fünf oder sechs Jahre zu leben.

An diesem Punkt bin ich zurückgegangen zum kargen Kopftext über den Noten: Wer Sors Handschrift kennt, stolpert unweigerlich über das Wort Intro d uction. Die Dreiteilung in der Schreibweise ist ein übersehbarer Schönheitsfehler. Vielleicht gibt es irgendwo eine authentische Vorlage von ihm, aber in Briefen oder Texten aus seiner Hand herrscht die entgegengesetzte Angewohnheit vor: Sor pflegt - nach der alten Weise spanischer Könige - sogar mehrere Wörter in einem einzigen Federstrich aneinanderzuhängen (s. Jeffery, 1977: S. 67 und S. 88). Was die Handschrift der ersten fünf Notenzeilen des Autograhs angeht, habe ich sie mit der Partitur von Sors Moskauer Ballett Herkules und Omphale verglichen und dann befunden, es seien zwar die Einzelnoten getroffen, nicht aber die charakteristische Linienführung noch die Sor eigene Eleganz der Federstriche, beispielsweise in den Notenbalken. Fazit: Zuviele Unwahrscheinlichkeiten auf einmal! Wenn mich jemand auf das Werk hin ansprach, pflegte ich zu sagen, daß ich die Handschrift für eine Nachahmung hielte.


Abbildung 2: Eine Partiturseite SOR (zusammengesetzt)

Einen Beitrag zur weiteren Aufklärung hatte 1992 Peter Danner geleistet, vermutlich ohne es zu wollen. Ein Artikel von ihm in Soundboard spürt Nathalie Houzé nach, deren Namen und Porträt Danner in einer anderen Pariser Veröffentlichung der Zeit wiedererkennt. In der Tat ist sie mit großer Wahrscheinlichkeit in Francesco Molinos Gitarrenschule, Grande Méthode, op. 46, abgebildet: auf einer vollen Seite am Anfang des Werkes, als Beispiel für die richtige Haltung von Spieler und Instrument. Der fragliche Stich trägt die Unterschrift Madelle. N. H. Elève la plus forte de Mr. F. Mo, was ungeachtet der vielen Abkürzungen heißen könnte: >Fräulein Nathalie Houzé, die tüchtigste Schülerin von Herrn Francesco Molino.< Der Grund für die Vorzugsbehandlung von Nathalie Houzé mag auch in diesem Fall ihr außergewöhnliches Spieltalent gewesen sein, da ihr der Florentiner Molino später noch seine Große Sonate, op. 51 widmet. Der verschlüsselte Bildtitel in Molinos Lehrwerk enthält freilich noch ein paar zusätzliche Botschaften: Nathalie Houzé war demnach >Schülerin< Francesco Molinos und genügend ausgebildet, als sie zu Sor kommt. Wißbegierig hat sie bei dem Spanier dazulernen wollen, so daß ihr Sor zunächst Orchestermusik für zwei Gitarren einrichtet, um sie vor allem musikalisch voranzubringen. Damit erklärt sich im übrigen das Fehlen von Zusätzen wie "seiner Schülerin zugeeignet" auf dem Ttitelblatt von op. 39 und den folgenden op. 42 und 54b. Wie ausdrücklich spart Sor an einer Floskel, die sonst selten fehlt in ähnlichen Widmungen. Unbezweifelbar wußte der Ältere von ihrem Unterricht bei Molino, dessen Widmung und dem Porträt in der Schule, und der redliche Sor hat keinen Augenblick daran gedacht, Nathalie Houzé öffentlich als seine Schülerin auszugeben. Andererseits haben ihn Wendigkeit und Lerneifer der jungen Dame angespornt, so daß >der Mann von fünfzig Jahren< in Sor noch die zwei anderen Werke komponiert. Und wie im Fall der Sechs Walzer werden Houzé und der Autor gewiß die Fantasie für zwei Gitarren geübt und gespielt haben, bevor die Stücke in Druck gingen. Zweites Fazit: Für das Autograph der fraglichen Fantaisie ergeben die ausgewählte junge Dame und die Widmung, die sie als >Schülerin< Sors bezeichnet, schon im Titeltext einen Doppelfehler im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit.

Das besagte Manuskript ist über eine Versteigerung bei Sotheby's in den Besitz von Pepe Romero gelangt; er selber hat natürlich das Stück eingespielt und den Notentext in einer (eigenen) Abschrift auch an andere Gitarristen weitergegeben. Mit Fingersätzen von Romero, mit dem Stich, der Nathalie Houzé abbildet, mit zwei Ausschnitten aus der Handschrift, ist das Werk 1995 in einer Druckfassung erschienen. Die Einführung datiert es auf 1833, beim Übertragen aus dem Autograph hat man "Sor's musical notation ... scrupulously preserved", obwohl unmittelbar der Nebensatz folgt "with a few exceptions". Was die Ausschnitte aus der Vorlage angeht, sind wieder die "Intro d uction" und ihre ersten fünf Notenzeilen beigegeben, doch darüber prangt der volle Titel in seiner handschriftlichen Fassung.

Bis diese Erweiterung in einer Fotokopie auf meinen Schreibtisch flatterte, vergingen wieder Jahre. Was dort geschrieben stand, schien mir unglaubwürdig vom ersten Buchstaben an! Vor allem dieses ausschweifende F, das gleichsam >vor< dem Wort Fantaisie
einhergeht, habe ich nicht glauben noch wiederfinden können. Aber hier stand der gleiche Buchstabe auch als Vorreiter vor dem Namenszug, in gleicher Art aus gezogen. Und zu allem Überfluß gab es im Text noch ein solches, >zu ähnliches< Zwillingspaar, und zwar im Großbuchstaben S, mit dem erst Seule und dann Sor anfangen. Eine derart auffällige, doppelte Wiederkehr weist eher auf Nachahmung als auf eine Hand, die frei aus dem Impuls des Augenblicks schreibt. Meine Zweifel hat noch bestärkt, daß auch der Vorname ausgeschrieben war: diese Form verwendet Sor selten und durchgehend nicht einmal in seiner privaten Korrespondenz.

Überflüssig zu sagen, daß ich die Handschrift inzwischen als bewußte Fälschung einstufte, für mich waren keine weiteren Nachforschungen erforderlich. Um aber die Beweisfolge gültig abzuschließen, blieb die Frage nach dem ausgeschriebenen Namen und den einförmig überbetonten Anfangsbuchstaben zu klären. Den Anstoß schaffte die Vorarbeit zur Neuauflage meines Sor-Buches, wobei auch das Verzeichnis von Sors Gesamtwerk überarbeitet werden mußte. Darin war noch eine zweifelhafte Komposition aufzunehmen, die schon seit einiger Zeit in Katalonien eingespielt wird und ausgegeben als "authentischer Sor" - ein Konzert für Violine und Orchester in drei Sätzen. Die Handschrift ist nirgendwo die von Sor, auch keine Nachahmung. Der einzige Anhaltspunkt erscheint im Manuskript am Ende des Titels in einer Namensform, wie >Sor< sie nie verwendet hat, : Concerto in G: / a / Violino Principale. / Violino Primo. / Violino Secondo. / Oboe Primo. / Oboe Secondo. / Corno Primo. / Corno Secondo. / Alto Viola. / Con / Basso. / Del Sigre Sors.(ohne Ort; o. Jahr). Das Manuskript, einst in der Zisterzienserabtei in Heiligenkreuz aufbewahrt, liegt in der Österreichischen Nationalbibliothek. Es wird einzig und allein wegen des Del Sigre Sors ("Von Herrn Sors") im Titel für ein Werk des Spaniers genommen.


Abbildung 3: SOR Titelblatt Alphonse

Zurück zur "falschen Fantasie". Wer sich der Aufgabe unterzieht, für das Schaffen einen Gesamtkatalog zuerstellen, stößt wie von selbst auf den Fundort für Sor-Handschriften, den einzigen Ort auf dem Planeten, um sich mit echten Sor-Autographen auseinanderzusetzen. Gemeint ist die Bibliothek der alten Pariser Oper im Palais Garnier. In den Partituren von vier ganzen Sor-Balletten sind dort Hunderte von Seiten Notentext in seiner Handschrift einzusehen, aber auch dutzendweise Blätter, auf denen er, Szene um Szene, die jeweils vertonte Handlung darlegt und beschreibt. In ihrer Entstehungsfolge geordnet, lauten die Titel der vorhandenen Werke Cendrillon (1822), Alphonse et Léonore ou L'amant peintre (1824), Hercule et Omphale (1826) und Le Sicilien ou l'amour peintre (1827).
Für meine Suche bin ich von dem Bestand ausgegangen, der Ende der achtziger Jahre zugänglich war, deshalb habe ich mir die Partitur von Alfons und Leonore oder der Liebhaber als Maler in den Mikrofilmprojektor einlegen lassen. Um es kurz zu machen: Der Fälscher und ich hatten den gleichen Einfall, jeder ist für seinen Zweck hier nachsehen gegangen und hat sich eine Vorlage verschafft von einem der Werke, das damals wie heute für Kopien zur Verfügung stand. Denn buchstäblich im Handumdrehen erschien auf den projizierten Blättern nicht allein Sors Vorname auf dem Titelblatt seines Balletts, sondern der vollständige Komponistenname stellte sich auf dem folgenden Innentitel (fast) genau so dar, wie ihn die fragwürdige 14. Fantaisie pour Guitare Seule wiedergibt. Nur daß eben Sor diesen Namenszug glaubhaft und mit überzeugendem Schwung ausgeführt hat, nicht zögernd und nachahmend. Außerdem 1824 und in Moskau, nicht zehn Jahre später in Paris!


Abbildung 4: Die zwei Ausschnitte mit dem F von SOR und dem falschen

Der zagende Schritt vom Original zur Fälschung liegt offen vor dem Auge, unbestreitbar ab dem zweiten Buchstaben des Vornamens. Doch selbst der ausschweifende Großbuchstabe F, wie er im Titel der Fantaisie zweimal hervorsticht, fällt nur scheinbar aus dem Rahmen der authentischen Vorlage. Genaues Hinsehen hat ihn dort schon entdeckt, verkleinert, zwei Zeilen höher im Vornamen der Primaballerina Félicité Hullin, damals vermutlich mit Sor verheiratet. Ihren Mädchennamen über seinen hinzusetzen, hat Sor - zu diesem Zeitpunkt - offenbar noch beflügelt, denn gewöhnlich fällt das große F bei ihm schlanker aus, ohne den "Bauch" vor dem Abstrich.

Gleichsam als Coda sei angefügt: Mit den Registern der Opernbibliothek würde sich, zumindest theoretisch, nachweisen lassen, von wem und woher gegen Ende der achtziger Jahre Bestellungen des Mikrofilms oder über Kopien aus dem fraglichen Ballett kamen. Die Suche würde möglicherweise zum Autor des Autographs führen, aber lohnender wäre natürlich zu erfahren, wem mit der Komposition überzeugend das "Pasticcio" einer Sor-Fantasie gelungen ist.


Fernando Sor - eine zweifelhafte Handschrift

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